Gero Hellmuth

Gero Hellmuth

malerei zeichnung relief plastik

Kommentare

Peter Renz (Schriftsteller) Einführung zur Ausstellung  - Bild und Musik - 1990, 

Bilder zu Werken des spanischen Komponisten Manuel Hidalgo

(Auszug)

"...schon in seinen frühen Zeichnungen aus seiner
Studienzeit, weiterentwickelt dann in den graphischen Arbeiten zur Erfahrung
mit Naturkräften, zeigt sich sein Formwille als Übersetzung innerer Erlebnisse
in der Dynamik zeichnerischen Gestus` ...es geht ihm um die Verbildlichung von
Erfahrungsdimensionen, die ihren ursprünglichen Charakter nach a-visuell, also
ohne optische Qualität sind...seine Bilder und Zyklen beschreiben in immer
neuen Anläufen die unerhörte Spannung zwischen dunkler Schwere und flüchtiger
Spur, zwischen verdichteter Figürlichkeit und transparenter Weite...Dieser
Kontrast von geballter, dunkel-drückender Körperlichkeit und zarter, ins Licht
aufsteigender Lineatur habe ich auch schon in seinen frühen Zeichnungen
gefunden; es zieht sich durch das Werk dieses Künstlers als seine eigentliche,
bildnerische Thematik: vielleicht drückt sich darin etwas aus vom Wunsch des
Menschen, sich aus der Schwere des Daseins zu erheben, jene Kundera`sche 
"unerträgliche Leichtigkeit" zu spüren.

Noch mehr erfahre ich aus diesen Bildern die gewissermaßen räumliche 
Musikalität einer möglichen Daseinsbewältigung, einen immer wieder neu
imaginären Befreiungsversuch aus der Erdenschwere der Existenz, einen
beseelten Flug ins Heitere."

 

 

Georg Christhard Neubert, Ausschnitt aus einem Interview in einer Sendung des SFB, Berlin
zur Ausstellung  "Hiob - ein Mensch" in der Kirche am Hohenzollernplatz - Berlin, 1998

"... mich interessiert sein Versuch in seinen künstlerischen Arbeiten, das Thema - Verantwortung
für den Menschen - umzusetzen,; nicht, wie wir das gewohnt sind - plakativ, sondern in einer
sehr tiefen, spirituellen, geistigen Form, die aber so viel Aussagekraft hat, dass jeder, Mensch,
der sich von diesen Arbeiten ansprechen lässt, der sich ihnen aussetzt, unmittelbar betroffen ist."


SFB Redaktion Joh. Huthmann 1998

 

Wolfgang Floetemeyer,

Auszüge aus der Laudatio zur Ausstellung "Hiob - ein Mensch", Berlin 1998

...Gero Hellmuths künstlerisches Werk ist ein Aufstand gegen das Schweigen der Intellektuellen
in unserer Gesellschaft, Aufstand gegen die materialistische "Kultur", die uns zu überrollen droht.
Kunst, Poesie, Liebe, Glaube, Hoffnung - alles von ideellem Wert scheint in debilem Geträller
des offensichtlich Hirnlosen zu verkommen.


Angesichts solcher Phänomene muß sich der Künstler beunruhigt fühlen ...Auch das Mißlingen
beunruhigt ihn, ihn, der gegen den Strom zur Quelle finden will, um nicht im offenen Meer zu landen.

Nein, nicht immer gelingt etwas. Da ist das Material, das sich der Formung widersetzt.
Eckige Verschweißungen eines harten, scharfkantigen Metalls kosten Anstrengung, Kraft, ohne aber
die Vision aus dem Auge zu verlieren. Holz und Metall, Wärme und Kälte, Weichheit und Härte
werden zusammengestellt, um drastische Unvereinbarkeiten vorzuführen. Und doch: meist - wenn
nicht überall - entdecken wir kleine und kleinste Hoffnungsschimmer in Form von hellen Farben
oder "goldenen Fäden", die uns wieder zur Hoffnung Anlaß geben. Oder es strebt etwas nach oben -
ja, dort droben wird es sein! Und immer wieder das Kreuz und die Zahl 19 als Symbol für
leidvolle Erfahrungen, die auch auf Tröstung wenn nicht Erlösung hoffen dürfen. Solange sie
nicht da ist, bleibt vieles halbfertig, verwaschen, abgestoßen. Diese Unfertigkeit, die Unklarheiten
und Verwischungen sind gewollt - auch wenn sie dem Zufälligen ausgeliefert sind.

...Das Weiß ist nicht gleichbedeutend mit Leere - sondern das Aufleuchten jener Hoffnung, von
der ich eben sprach. Jeder noch so zaghafte Strich, jede Linie, jeder Fleck ist verwundbar und
kann das ganze Bild zum Einsturz bringen, wenn die bedeutsame Stille gestört wird. Das Grau
wird zur geheimnisvollen Umschreibung unseres Lebens, gleichsam ein metaphysisches
Kaligramm.

...Was bleibt, ist eine Kunst, die anstößig ist, die anstößt und auf wundersame Weise Glocken
zum Klingen bringt. Das Kunstwerk erinnert uns daran, daß der Mensch wichtiger ist als
die Kunst - aber eben sie hilft uns zu leben.

Uttenhofen am Bodensee, 1998

 

Publikationen in der Edition der Stiftung St. Matthäus, Berlin

(Auszug)...Seit mehreren Jahren arbeitet der Singener Künstler an einem Auschwitz-Zyklus,
in dem die Zahl ...19..., Fragment einer Häftlingsnummer, zum Symbol des zur Nummer
degradierten und seines Namens beraubten Menschen wird. Auf Malerei, Assemblagen
und Skulpturen taucht sie auf und erinnert, ist aber gleichzeitig Symbol der Erlösung,
Hoffnung und Versöhnung. (April 2003)

 

Ausstellung im Kunstforum
Berlin, Stiftung St. Matthäus, 2003


Einführung:  Dr. Ursula Prinz, stellv. Direktorin
der Berlinischen Galerie, Landesmuseum für Moderne Kunst, Architektur und Photographie, Berlin

(Auszug)

Die Ausstellung "..dass sie leben" von Gero Hellmuth wurde zu einem Zeitpunkt
konzipiert, als man noch nicht ahnen konnte, welche unmittelbare Aktualität sie
bekommen würde. Dass ihr Inhalt von immerwährender Gültigkeit ist und eine
bleibende Aktualität und auch Anwendbarkeit auf die uns umgebende Realität hat,
ändert nichts daran, dass wir heute vor allem an die Opfer des Irak-Krieges
denken, wenn wir den Metaphern von Gewalt und Überwindung von Gewalt, von Tod
und Leben im Werk von Gero Hellmuth gegenüberstehen.

Aber auch die vielen Toten in der Auseinandersetzung zwischen Israelis und Palästinensern                                                                    und die nicht abreißenden Terroranschläge bleiben ständig in unserem Bewusstsein.

Dabei ging es dem Künstler, der gemeinsam mit dem Komponisten Joseph Dorfman ein
synästhetisches Werk schuf, in dem sich Musik und bildende Kunst zu einem
monumentalen Werk verbinden, darum, Gedankengut des Christentums und des Judentums                                                        miteinander zu vereinen, um eine neue Perspektive für das Leben und nicht für Krieg, Verfolgung und Tod.



                                                                                                                                                                                                                                                                                   
 

 

Die Kraft des Elementaren

"Gero Hellmuth - Werkschau", Kunstverein Engen e.V. im Städtischen Museum Engen, 2012

 

Andreas Gabelmann

Dunkel schimmernde Metallflächen und daraus jäh
hervorstoßende Vergitterungen, dynamisch flutende Farbspuren vor hellen Hintergründen:
energische Auf- und Durchbrüche mit Linienfragmenten und Seilen, kühne
Materialkombinationen von Leinwand, Holz und Eisen. In diesem Spannungsfeld
zwischen Malerei, Zeichnung und Skulptur entfaltet sich das vielschichtige
Schaffen von Gero Hellmuth, dem der Kunstverein Engen in den Räumen des
Städtischen Museums Engen eine sehenswerte Werkschau widmet.
Die gezeigten Gemälde, Assemblagen und Plastiken umkreisen
mit kraftvollen, gegenstandsfreiem Ausdruckgestus biblisch-ethische Themen und
rücken in eindringlichen Bilder-Zyklen
das Dasein des Menschen in seinem handeln, Glauben und Hoffen, seinem
Gefährdet-Sein im Weltgeschehen und der Befreiung daraus in den Fokus.



Gero Hellmuth, geboren 1940 in Neustrelitz, durchlief seine künstlerische Ausbildung
in den späten 60er-Jahren als Schüler von Klaus Arnold und Peter Dreher an der
Karlsruher Kunstakademie. Begleitend dazu studierte er Kunstgeschichte und
Philosophie an den Universitäten Karlsruhe und Stuttgart. Seit1971 lebt und
arbeitet er als Kunstpädagoge und freischaffender Künstler in Singen. Geleitet
von einem tiefen, existenzialistischen Welt- und Lebensgefühl, lotet er in
seinem künstlerischen Werk Grundfragen des menschlichen Daseins im Kontext
religiöser Glaubensinhalte aus.


Die Engener Präsentation schlägt den Bogen über rund 25 Jahre Werkentwicklung.
Dabei begegnen dem Betrachter sowohl konkret inhaltlich aufgeladene als auch
stärker formalästhetisch-expressive Abstraktionen, in denen Hellmuth mit
furiosem Pinselschwung in einem eruptiven Schaffensakt auf musikalische
Inspirationen reagierte. Dynamik und
Rhythmik der Klänge erweitern sich in zeichnerische und räumliche Dimensionen
ebenso in der Serie "Kreisbilder", worin mittels filigraner Konstruktionen aus
Holz und Eisen graphisch-skulpturale Assemblagen mit sinnlich-vitaler Wirkung
entstehen. In diesen frühen Reliefbildern erkundet Hellmuth die Grenzen
zwischen Formauflösung und Formverdichtung.


Jener gestalterische Ansatz findet seine Fortsetzung im bedeutungsschweren
Werkkomplex zum Thema "Hiob". Die neunteilige Installation im Sakralraum der
Apsis des ehemaligen Klosters bildet zweifellos den Höhepunkt der
Ausstellung. In den markanten Reliefs, Stellagen und Stelen aus Holz, Eisen und
Schnüren, geschaffen zwischen 1995 und 1999, gelingt Hellmuth die ebenso
ergreifende wie beklemmende Interpretation der Leidensgeschichte Hiobs.
Schroffe Hell-Dunkel-Kontraste und heftig bewegte Formkürzel, rabiate
Aufsprengungen zerklüfteter Oberflächen und aggressiv in den Raum drängende
Holzkeile und Metallstäbe sorgen für eine düstere Dramatik. Beschworen wird
eine Ästhetik des Brüchigen und Verletzten, suggeriert ist die Vorstellung des
Bedrohten, Geschundenen, Zerstörten. Gesteigert wird dies durch die zentrale,
den Platz des Altars einnehmende Arbeit "...dass sie leben", in der Hellmuth
mit einer Montage aus zerfaserten Flächenbrechungen, wüsten Formballungen,
scharfen Graten und eingestreuten Textzeilen die Befreiung von Auschwitz
unmittelbar und unverstellt visualisiert.


Im Gegeneinander von dunkler Schwere und flüchtiger Spur entfalten sich auch
neuere Arbeiten wie etwa die Malereien und Materialbilder "Kain"oder "Augen"
von 2006/07, die sich auf Gedichte von Hilde Domin beziehen. Momente der
Kommunikation, der Überwindung und des Zusammenwachsens lässt Hellmuth im
Zyklus "Dialog" von 20011/12 anklingen. Verschnürungen und Verknotungen
scheinen dort die klaffenden Wunden zu Überlagern und Hoffnung aufkeimen zu
lassen. Wie die übrigen Exponate entfalten auch diese Arbeiten ihre
eigenständigen Wirkungen im Changieren zwischen elementarer Archaik,
minimalistischer Strenge und freier Expressivität. Innere Bedrängnis und
Schicksalsschwere, aber auch Wille zur Befreiung sprechen aus den
ausdrucksstarken Arbeiten Gero Hellmuths, die sich immer auch als gewisse
Daseinsbewältigung lesen lassen. Die spröden Werke stürzen den Betrachter in
eine tiefe Nachdenklichkeit, transportieren aber vor allem intensivste
Emotionen und werfen moralische Fragen auf.

Autor: Dr. Andreas Andreas Gabelmann (*1967 in Karlsruhe), Studium der Kunstgeschichte,
Baugeschichte und Literaturwissenschaft in Karlsruhe und Bamberg. Zahlreiche
Veröffentlichungen zur Kunst der Klassischen Moderne, Schwerpunkt
Expressionismus. Lebt und arbeitet in Radolfzell am Bodensee